War­um Cash­flow wich­ti­ger sein kann als Umsatz­wachs­tum

Wachs­tum ist nicht auto­ma­tisch Erfolg. Ent­schei­dend ist, ob ein Unter­neh­men aus sei­nem Geschäft aus­rei­chend liqui­de Mit­tel erwirt­schaf­tet, um sei­ne Ver­pflich­tun­gen zu erfül­len, Inves­ti­tio­nen zu finan­zie­ren und wirt­schaft­lich unab­hän­gig zu blei­ben.

Für mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men ist die­se Unter­schei­dung beson­ders wich­tig. Ein stei­gen­der Umsatz ver­mit­telt zunächst ein posi­ti­ves Bild: Das Unter­neh­men gewinnt Kun­den, ver­kauft mehr Pro­duk­te und baut sei­ne Markt­po­si­ti­on aus. Doch wenn Kun­den spät bezah­len, Lager­be­stän­de wach­sen, Pro­duk­ti­ons­kos­ten stei­gen oder hohe Inves­ti­tio­nen erfor­der­lich sind, kann das Wachs­tum mehr Geld ver­brau­chen, als es ein­bringt.

1. Umsatz, Gewinn und Cash­flow – drei unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven

  • Der Umsatz zeigt den Wert der erbrach­ten Lie­fe­run­gen und Leis­tun­gen. Er sagt jedoch nicht, wann der Kun­de bezahlt und wie viel Geld nach Abzug der Kos­ten übrig bleibt.
  • Der Gewinn ergibt sich aus Erträ­gen und Auf­wen­dun­gen einer Peri­ode. Er kann posi­tiv sein, obwohl Rech­nun­gen noch offen sind oder hohe Aus­zah­lun­gen anste­hen.
  • Der Cash­flow betrach­tet die tat­säch­li­chen Ein- und Aus­zah­lun­gen. Er zeigt, ob das Unter­neh­men aus sei­nem Geschäft Geld frei­setzt oder zusätz­li­che Liqui­di­tät benö­tigt.

Ein Unter­neh­men kann hohe Umsät­ze und gute Gewin­ne aus­wei­sen und gleich­zei­tig zu wenig Geld auf dem Bank­kon­to haben. Umge­kehrt kann ein Unter­neh­men in einer bestimm­ten Peri­ode einen schwa­chen Gewinn erzie­len und den­noch einen posi­ti­ven Cash­flow erwirt­schaf­ten, bei­spiels­wei­se weil es Lager­be­stän­de abbaut oder offe­ne For­de­run­gen ein­zieht.

Wich­tig ist des­halb, nicht nur die Gewinn- und Ver­lust­rech­nung zu betrach­ten, son­dern auch die Liqui­di­täts­ent­wick­lung.

2. War­um Umsatz­wachs­tum zum finan­zi­el­len Risi­ko wer­den kann

Wachs­tum bin­det häu­fig zunächst Kapi­tal, bevor es zusätz­li­che Zah­lungs­mit­tel frei­setzt. Ein mit­tel­stän­di­scher Her­stel­ler, der mehr Auf­trä­ge erhält, muss unter Umstän­den:

  • mehr Roh­ma­te­ri­al und Kom­po­nen­ten ein­kau­fen,
  • zusätz­li­che Lager­be­stän­de auf­bau­en,
  • mehr Per­so­nal beschäf­ti­gen,
  • Maschi­nen und Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten erwei­tern,
  • län­ge­re Zah­lungs­zie­le für Kun­den akzep­tie­ren,
  • höhe­re Transport‑, Ener­gie- und Finan­zie­rungs­kos­ten tra­gen.

Die Kos­ten und Aus­zah­lun­gen ent­ste­hen oft frü­her als die Zah­lungs­ein­gän­ge.

3. Der unter­schätz­te Fak­tor: Working Capi­tal

Ein wesent­li­cher Grund, war­um Wachs­tum Liqui­di­tät bin­det, ist das soge­nann­te Working Capi­tal, also das im lau­fen­den Geschäft gebun­de­ne Kapi­tal. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re For­de­run­gen aus Lie­fe­run­gen und Leis­tun­gen sowie Vor­rä­te, abzüg­lich kurz­fris­ti­ger Ver­bind­lich­kei­ten aus Lie­fe­run­gen und Leis­tun­gen.

Die zen­tra­le Pro­ble­ma­tik lässt sich an drei Fra­gen ver­deut­li­chen:

  • Wie lan­ge liegt das Mate­ri­al im Lager? Kapi­tal ist gebun­den, solan­ge Roh­ma­te­ri­al, Halb­fer­tig­pro­duk­te und Fer­tig­wa­ren noch nicht ver­kauft oder ver­braucht wur­den.
  • Wie lan­ge dau­ert es, bis Kun­den bezah­len? Eine gestell­te Rech­nung ist noch kein Zah­lungs­ein­gang. Lan­ge Zah­lungs­zie­le und ver­spä­te­te Zah­lun­gen erhö­hen den Finan­zie­rungs­be­darf.
  • Wie lan­ge kann das Unter­neh­men sei­ne Lie­fe­ran­ten spä­ter bezah­len? Ange­mes­se­ne Lie­fe­ran­ten­zie­le kön­nen die Finan­zie­rung ent­las­ten. Vor­aus­set­zung ist, dass ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen ein­ge­hal­ten wer­den und die Lie­fe­ran­ten­be­zie­hun­gen nicht gefähr­det sind.

4. War­um Cash­flow stra­te­gi­sche Frei­heit schafft

Cash­flow ist nicht nur eine Kenn­zahl für die Finanz­ab­tei­lung. Er beein­flusst unmit­tel­bar die stra­te­gi­sche Hand­lungs­fä­hig­keit eines Unter­neh­mens.

  • Inves­ti­tio­nen aus eige­ner Kraft: Ein posi­ti­ver Cash­flow ermög­licht es, Maschi­nen, Auto­ma­ti­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung und neue Pro­duk­te teil­wei­se oder voll­stän­dig selbst zu finan­zie­ren.
  • Weni­ger Abhän­gig­keit von Ban­ken: Unter­neh­men mit aus­rei­chen­der Liqui­di­tät sind weni­ger anfäl­lig für kurz­fris­ti­ge Kre­dit­kür­zun­gen, stei­gen­de Finan­zie­rungs­kos­ten oder stren­ge­re Kre­dit­be­din­gun­gen.
  • Kri­sen­fes­tig­keit: Rück­läu­fi­ge Auf­trags­ein­gän­ge, ver­spä­te­te Kun­den­zah­lun­gen oder uner­war­te­te Repa­ra­tu­ren las­sen sich mit finan­zi­el­len Reser­ven leich­ter über­brü­cken.
  • Bes­se­re Ver­hand­lungs­po­si­ti­on: Wer nicht unter kurz­fris­ti­gem Liqui­di­täts­druck steht, kann Auf­trä­ge kri­ti­scher prü­fen und muss nicht jede Bestel­lung anneh­men, nur um die Pro­duk­ti­on aus­zu­las­ten.

Gera­de im Mit­tel­stand ist die­se Frei­heit wich­tig. Ein Unter­neh­men mit finan­zi­el­len Reser­ven kann bewusst in neue Geschäfts­fel­der inves­tie­ren, wäh­rend ein Wett­be­wer­ber mit schwa­cher Liqui­di­tät mög­li­cher­wei­se gezwun­gen ist, kurz­fris­tig Kos­ten zu sen­ken.

5. Wel­che Kenn­zah­len soll­te ein mit­tel­stän­di­sches Unter­neh­men regel­mä­ßig beob­ach­ten?

Die Geschäfts­füh­rung soll­te sich nicht auf eine ein­zel­ne Cash­flow-Kenn­zahl ver­las­sen. Sinn­voll ist ein kom­pak­tes Kenn­zah­len­sys­tem, wel­ches Ertrags­kraft, Liqui­di­tät und Kapi­tal­bin­dung gemein­sam betrach­tet.

Kenn­zahlWas sie beant­wor­tet
Ope­ra­ti­ver Cash­flowErzeugt das lau­fen­de Geschäft Zah­lungs­mit­tel?
Free Cash­flowWas bleibt nach den rele­van­ten Inves­ti­ti­ons­aus­zah­lun­gen übrig?
Liqui­di­täts­be­standWel­che unmit­tel­bar ver­füg­ba­ren Zah­lungs­mit­tel ste­hen zur Ver­fü­gung?
Working Capi­talWie viel Kapi­tal ist im ope­ra­ti­ven Geschäft gebun­den?
For­de­rungs­lauf­zeitWie schnell bezah­len die Kun­den?
Lager­um­schlag bzw. Lager­dau­erWie effi­zi­ent wird der Lager­be­stand genutzt?
Net­to­ver­schul­dung und Schul­den­dienst­fä­hig­keitWie hoch ist die finan­zi­el­le Belas­tung, und kann sie bedient wer­den?

Beson­ders wich­tig ist außer­dem eine rol­lie­ren­de Liqui­di­täts­pla­nung über min­des­tens 13 Wochen. Sie stellt erwar­te­te Ein­zah­lun­gen und Aus­zah­lun­gen gegen­über und hilft, Eng­päs­se früh­zei­tig zu erken­nen. Bei län­ge­ren Inves­ti­ti­ons­zy­klen soll­te sie durch eine mit­tel­fris­ti­ge Pla­nung ergänzt wer­den.

Reiner Christmann

Über den Autor: Rainer Christmann

Rainer Christmann ist Diplom-Ingenieur Maschinenbau (TU Darmstadt) und Inhaber von Atura Consult. Er war 10 Jahre Sales Manager bei der Pall Corporation, 7 Jahre Geschäftsführer der Metabo Polisys GmbH & Co. KG und 3 Jahre selbstständiger Berater für Restrukturierung. Von 2009 bis 2020 führte er als CEO die Argo-Hytos s.r.o. in Tschechien mit rund 700 Mitarbeitern aus einer existenziellen Krise. Der Umsatz verdoppelte sich bei gleicher Personalstärke, die Eigenkapitalquote stieg von 20 auf 55 Prozent. Seit 2021 unterstützt er Geschäftsführer im industriellen Mittelstand als Senior Advisor, Sparringspartner und Beirat.

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