War­um mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men manch­mal zu spät reagie­ren

Der deut­sche Mit­tel­stand gilt als Rück­grat der Wirt­schaft. Vie­le mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men ver­fü­gen über jahr­zehn­te­lan­ge Erfah­rung, aus­ge­präg­tes tech­ni­sches Know-how, lang­jäh­ri­ge Kun­den­be­zie­hun­gen und eine hohe Fer­ti­gungs­kom­pe­tenz. Gera­de die­se Stär­ken kön­nen jedoch zum Pro­blem wer­den, wenn sich Märk­te, Tech­no­lo­gien und Kun­den­an­for­de­run­gen grund­le­gend ver­än­dern.

A. Stra­te­gi­sche Blind­heit – wenn Unter­neh­men Ver­än­de­run­gen zu spät erken­nen

Stra­te­gi­sche Blind­heit bezeich­net die Unfä­hig­keit oder man­geln­de Bereit­schaft eines Unter­neh­mens, wich­ti­ge Ver­än­de­run­gen im Markt­um­feld recht­zei­tig wahr­zu­neh­men und dar­aus die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen zu zie­hen.

Das bedeu­tet nicht zwangs­läu­fig, dass die Geschäfts­füh­rung inkom­pe­tent ist oder kei­ne Infor­ma­tio­nen besitzt. Häu­fig sind die rele­van­ten Signa­le durch­aus vor­han­den. Sie wer­den jedoch falsch inter­pre­tiert, unter­schätzt oder nicht kon­se­quent in Ent­schei­dun­gen über­setzt.

Typi­sche Ursa­chen

1. Zu star­ke Ori­en­tie­rung am bestehen­den Geschäft
Das Unter­neh­men kon­zen­triert sich auf sei­ne eta­blier­ten Pro­duk­te, Kun­den und Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren. Neue Geschäfts­fel­der erschei­nen ris­kant oder wirt­schaft­lich weni­ger attrak­tiv als das bewähr­te Kern­ge­schäft.

2. Warn­si­gna­le wer­den rela­ti­viert
Ers­te Kun­den­an­fra­gen blei­ben aus, Mar­gen sin­ken, Wett­be­wer­ber gewin­nen Markt­an­tei­le oder neue Tech­no­lo­gien ver­än­dern die Kos­ten­struk­tur. Sol­che Ent­wick­lun­gen wer­den als vor­über­ge­hend betrach­tet.

3. Die Per­spek­ti­ve der Kun­den wird zu wenig hin­ter­fragt
Lang­jäh­ri­ge Kun­den­be­zie­hun­gen ver­mit­teln Sicher­heit. Aller­dings ver­än­dern auch treue Kun­den ihre Geschäfts­mo­del­le, Beschaf­fungs­pro­zes­se und tech­ni­schen Anfor­de­run­gen. Wer aus­schließ­lich auf bestehen­de Kun­den hört, ris­kiert, die Bedürf­nis­se zukünf­ti­ger Kun­den oder neu­er Markt­teil­neh­mer zu über­se­hen.

4. Das ope­ra­ti­ve Geschäft ver­drängt die Stra­te­gie
Im Mit­tel­stand sind Geschäfts­füh­run­gen häu­fig stark in Ver­trieb, Pro­duk­ti­on, Per­so­nal­fra­gen und ope­ra­ti­ve Pro­blem­lö­sun­gen ein­ge­bun­den. Das Tages­ge­schäft erzeugt unmit­tel­ba­ren Hand­lungs­druck. Stra­te­gi­sche The­men wie neue Tech­no­lo­gien, Geschäfts­mo­del­le oder ver­än­der­te Wett­be­werbs­struk­tu­ren wir­ken dage­gen häu­fig abs­trakt und weni­ger dring­lich.

B. Der Erfolg der Ver­gan­gen­heit – wenn Stär­ke zur Schwä­che wer­den kann

Erfolg­rei­che mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men haben häu­fig über Jahr­zehn­te ein Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckelt, das zuver­läs­sig funk­tio­niert. Es basiert bei­spiels­wei­se auf Qua­li­tät, Kun­den­nä­he, tech­ni­schem Know-how und lang­fris­ti­gen Geschäfts­be­zie­hun­gen.

Die­se Erfolgs­fak­to­ren prä­gen die Unter­neh­mens­kul­tur. Sie wer­den zu fes­ten Über­zeu­gun­gen dar­über, wie ein Unter­neh­men geführt wer­den muss. Genau dar­in liegt eine Gefahr:

  • Lang­jäh­ri­ge Kun­den­be­zie­hun­gen kön­nen dazu füh­ren, dass neue Kun­den und Markt­seg­men­te zu wenig erschlos­sen wer­den.
  • Weil sich Pro­duk­te in der Ver­gan­gen­heit bewährt haben, wer­den Inno­va­tio­nen hin­aus­ge­zö­gert.
  • Weil man lang­jäh­ri­ge Lie­fer­be­zie­hun­gen hat, wer­den neue Tech­no­lo­gien und alter­na­ti­ve Lie­fer­ket­ten nicht geprüft.
  • Weil man sich auf das Merk­mal „Hohe Pro­dukt­qua­li­tät“ kon­zen­triert hat, hat man über­se­hen, dass auch ande­re Kauf­kri­te­ri­en wie Lie­fer­ge­schwin­dig­keit und Fle­xi­bi­li­tät ent­schei­dend sein kön­nen.

Wer mit einer bestimm­ten Stra­te­gie über Jah­re gute Ergeb­nis­se erzielt, ent­wi­ckelt Ver­trau­en in genau die­se Stra­te­gie und glaubt an die Zukunft. Aber die­se Stra­te­gie kann even­tu­ell nicht trag­fä­hig für die Zukunft sein. Daher soll­te sie an die Markt­si­tua­ti­on ange­passt wer­den, sonst sind Wett­be­wer­ber mög­li­cher­wei­se bereits wei­ter, Kun­den­be­zie­hun­gen und Märk­te haben sich ver­scho­ben.

C. War­um mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men beson­ders anfäl­lig sein kön­nen

Der Mit­tel­stand besitzt struk­tu­rel­le Vor­tei­le: kur­ze Ent­schei­dungs­we­ge, Kun­den­nä­he, Fle­xi­bi­li­tät und häu­fig eine hohe Spe­zia­li­sie­rung. Gleich­zei­tig kön­nen bestimm­te Orga­ni­sa­ti­ons­merk­ma­le die Anpas­sungs­fä­hig­keit begren­zen.

  • Eigen­tü­mer­ge­präg­te Füh­rung: Unter­neh­me­ri­sche Erfah­rung ist ein gro­ßer Vor­teil. Wenn Ent­schei­dun­gen jedoch stark an einer ein­zel­nen Per­son und deren bis­he­ri­gen Erfah­run­gen hän­gen, wer­den abwei­chen­de Ein­schät­zun­gen mög­li­cher­wei­se zu wenig berück­sich­tigt.
  • Ein­ge­spiel­te Unter­neh­mens­kul­tur: Mit­ar­bei­ter ori­en­tie­ren sich an bewähr­ten Abläu­fen und den Erwar­tun­gen der Füh­rung. Kri­ti­sche Fra­gen wer­den manch­mal nicht gestellt, weil sie als unnö­tig, illoy­al oder zu ris­kant gel­ten.
  • Begrenz­te Res­sour­cen: Neue Tech­no­lo­gien, Fach­kräf­te, Digi­ta­li­sie­rung und Markt­er­schlie­ßung erfor­dern Kapi­tal und Zeit. Inves­ti­tio­nen in das lau­fen­de Geschäft erschei­nen häu­fig siche­rer als Inves­ti­tio­nen in noch unge­wis­se Zukunfts­märk­te.
  • Fokus auf kurz­fris­ti­ge Kenn­zah­len: Umsatz, Auf­trags­ein­gang, Aus­las­tung und Jah­res­er­geb­nis sind leicht mess­bar. Die Ent­wick­lung neu­er Kom­pe­ten­zen, inno­va­ti­ver Pro­duk­te oder zukünf­ti­ger Markt­po­si­tio­nen lässt sich deut­lich schwe­rer kurz­fris­tig bewer­ten.
  • Angst vor dem Ver­lust des Bestehen­den: Wenn ein Unter­neh­men mit einer eta­blier­ten Pro­dukt­li­nie gute Gewin­ne erzielt, kann es schwer­fal­len, Res­sour­cen in eine neue Lösung zu inves­tie­ren, die zunächst weni­ger pro­fi­ta­bel ist oder das bis­he­ri­ge Ange­bot teil­wei­se ersetzt.

D. Fazit

Der deut­sche Mit­tel­stand ver­fügt über enor­me Stär­ken: Erfah­rung, tech­ni­sche Kom­pe­tenz, Kun­den­nä­he, unter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung und lang­fris­ti­ges Den­ken. Die­se Stär­ken blei­ben auch in Zukunft rele­vant. Sie rei­chen jedoch nicht aus, wenn Unter­neh­men davon aus­ge­hen, dass die Erfolgs­be­din­gun­gen der Ver­gan­gen­heit unver­än­dert fort­be­stehen.

Der Mit­tel­stand muss nicht jede Ver­än­de­rung mit­ma­chen. Aber er muss früh genug erken­nen, wel­che Ver­än­de­run­gen er nicht igno­rie­ren darf.

Die größ­te Gefahr für ein erfolg­rei­ches Unter­neh­men ist nicht immer der Wett­be­werb. Manch­mal ist es die Über­zeu­gung, dass das, was ges­tern erfolg­reich war, auch mor­gen noch aus­rei­chen wird.

Reiner Christmann

Über den Autor: Rainer Christmann

Rainer Christmann ist Diplom-Ingenieur Maschinenbau (TU Darmstadt) und Inhaber von Atura Consult. Er war 10 Jahre Sales Manager bei der Pall Corporation, 7 Jahre Geschäftsführer der Metabo Polisys GmbH & Co. KG und 3 Jahre selbstständiger Berater für Restrukturierung. Von 2009 bis 2020 führte er als CEO die Argo-Hytos s.r.o. in Tschechien mit rund 700 Mitarbeitern aus einer existenziellen Krise. Der Umsatz verdoppelte sich bei gleicher Personalstärke, die Eigenkapitalquote stieg von 20 auf 55 Prozent. Seit 2021 unterstützt er Geschäftsführer im industriellen Mittelstand als Senior Advisor, Sparringspartner und Beirat.

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